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Chronik der Wattenscheider Tafel e. V.

aus der Sicht des Vorstandsvorsitzenden Manfred Baasner zur Vergabe der Ehrenringe an Klaus-Peter Hülder, Friedrich Beckmann und Arnold Haglauer zum 10. Geburtstag der Wattenscheider Tafel e.V. am 19.04.2010

 

Bedingt durch meine eigene Situation der Berufsunfähigkeit, durch einen Ärztefehler und vier Jahre nicht mehr im normalen Leben, habe ich die Wattenscheider Tafel e. V. mit ihrem großen Netzwerk und der guten Infrastruktur aufgebaut. Hier sah ich die Möglichkeit, Menschen, denen es finanziell schlecht geht, zu helfen und nicht untätig zu Hause zu sitzen. Ein alter Spruch sagt: „Tausend Meilen beginnen mit dem ersten Schritt.“ Den sind wir am 13.04.2000, von meinem Sohn vorbereitet, und Frau Änni Gorks, Frau Hilde Welp, Frau Marlis Jütte und mir als Vorstand, gegangen. Wieder eine Aufgabe zu haben und wieder am Leben teilzuhaben, das war nach einem Enkelsohn das größte Geschenk. Dafür Danke ich Dir mein Sohn, für das neue Leben und neue Aufgaben.

 

Ohne die sofortige Bereitschaft einiger Gleichgesinnter wäre dies jedoch nicht möglich gewesen. Das ehrenamtliche Engagement der Gründer der Wattenscheider Tafel war so überwältigend, dass ich meine ganze Kraft in dieses Projekt hineinsteckte.

Die Kaufmannschaft von Bochum und Wattenscheid als solche waren bereit, Lebensmittel und andere Produkte zu spenden. Es ist unvereinbar, diese Produkte zu verkaufen, um die Finanzierung unserer Tafel zu sichern.

Die Arbeit der Wattenscheider Tafel ist ein Beispiel dafür, was geleistet werden kann, ohne nach dem Staat zu rufen. Auf der einen Seite ist es natürlich die Aufgabe des Staates, die soziale Absicherung zu leisten. Allerdings stößt der Staat an seine Grenzen und er kann nicht alles sehen, braucht den Bürger. Die Armut ist oft für die staatlichen/städtischen Stellen gar nicht sichtbar. Oft sieht man sie nicht einmal auf den zweiten Blick. Man muss ein Gespür und eine Sensibilität entwickeln, um die versteckte Armut zu erkennen und ihr zu begegnen. Jedoch möchte ich nicht verheimlichen, dass wir uns stellenweise in einer „juristischen Grauzone“ bewegen. Hier sind wir oft großer Kritik ausgesetzt. Obwohl uns „Steine in den Weg geworfen“ wurden, sehen wir uns als Helfer der sozial Schwachen und werden auch weiterhin so handeln. Unser Grundsatz ist es, Bedürftigen zu helfen, kinderreiche Familien zu unterstützen und anonym unsere Lebensmittel gegen eine Spende weiterzugeben.

Eine große Anerkennung unserer ehrenamtlichen Arbeit bekamen wir schon im ersten Jahr, am 03.Oktober 2000: Uns wurde der Bürgerpreis der Bochumer CDU durch den damaligen Bundeslandwirtschaftsminister Borchert verliehen, womit 2000 DM Preisgeld verbunden waren. Die SPD hat uns durch eine Spende vom Land Nordrhein-Westfalen in Höhe von 20.000 DM, iniziiert vom den Landtagsabgeordneten Heinz Wirtz, den Ankauf eines neuen Kleintransporters, zweier Kühlschränke und eines Kühlhauses ermöglicht. Wir bekamen auch von der kleinsten Partei, der UWG, Unterstützung und Hilfen durch den Parteivorsitzenden Klaus-Peter Hülder. Auch die anderen Parteien waren auf verschiedenste Weise hilfsbereit.

 

Das Team der Wattenscheider Tafel hat jedoch auch neue Aufgaben übernommen, die bei der Gründung zunächst noch nicht sichtbar waren. Unser Motto „Mit den Menschen sprechen, zuhören und anschließend reagieren und helfen“. Junge Menschen, die mit dem Gesetz in Konflikt gekommen sind, leisten in der Wattenscheider Tafel ihre Sozialstunden. Die Konfrontation mit den sozial Schwachen und die Teamarbeit in der Tafel geben den Jugendlichen die Möglichkeit, ihren „eingeschlagenen Weg“ zu korrigieren und sich in der Gesellschaft bzw. im Berufsleben neu zu orientieren. Nach den geleisteten Sozialstunden kommt es sehr oft vor, dass diese jungen Menschen freiwillig in der Wattenscheider Tafel weiter arbeiten. Sonderschüler und auch schwer Erziehbare, sowie Schulverweigerer lernen während ihrer Arbeit bei der Tafel einen für sie bisher oft unbekannten familiären Rückhalt kennen und werden so sozialisiert wieder der Schule zugeführt.

 

Um der größer werdenden Not gewachsen zu sein, arbeiten und planen zu können, haben wir im April 2005 ein neues zehnmal so großes Lager an der Laubenstraße bezogen. Die Bochumer und Wattenscheider Lions haben uns für drei Jahre die Hälfte unserer Miete garantiert. Die Immobilie wurde uns von Frau Ader, Wirtschaftsförderung Wattenscheid, vermittelt. So hatten wir alle unsere Projekte unter einem Dach. Die Verteilung, Verwaltung, Kleiderkammer, Lebensmittellager, Schule, Werkstatt, Möbellager, Küche und Sozialräume. Die Bochumer Wirtschaftsförderung, an der Spitze Herr Heinz-Martin Dirks, hat uns als Gäste zu dem regelmäßigen Turbo-Frühstück Bochumer Unternehmer eingeladen. Wir hatten alle Unternehmer in unserer Reichweite.

 

Der Landschaftsverband Westfalen/Lippe unterstützt die Tafel mit einer finanziellen Hilfe, wenn Behinderte als Praktikanten zur Tafel kommen.

 

Seit Jahren leisten wir für die Aral-Stiftung einen Beitrag zur berufsvorbereitenden Ausbildung, durch ein von dem Radio- und Fernsehtechnik-Meister, Herrn Detlef Dohms, geleitetes Praktikum im Bereich Elektro- und PC-Reparaturen. Ebenso stellt die Tafel für die Lehrstühle Sozialwissenschaft der Ruhr-Universität Bochum und TU Dortmund weitere Praktikumsplätze zur Verfügung. Dadurch ergibt sich ein Durchschnittsalter der Ehrenamtlichen von ca. 20 Jahren.

 

In Zusammenarbeit mit der Alice-Salomon-Schule bereiten wir junge Menschen auf ihren Schulabschluss durch das Bereitstellen mehrerer Praktikumsplätze vor. Als Sozialarbeiterin ist Frau Michaela Schröder seit sechs Jahren für diese Zusammenarbeit mit der Tafel verantwortlich.

 

Wir geben Schulen und anderen Einrichtungen die Möglichkeit, ihre Praktika bei der Tafel abzuleisten. Beispielsweise hat die Kaufmännische Schule II mit der Schulleiterin Frau Reen und der Klassenlehrerin Frau Dr. Karla in Wattenscheid mit ihrer Abschlussklasse der HBA ab 2004 erst als Versuch für ein Jahr ein Projekt mit der Wattenscheider Tafel durchgeführt. Das Ergebnis war, dass im Abschlusszeugnis als Anhang "die Soziale Reifeprüfung bestanden" mit aufgeführt wurde. Mittlerweile veranstalten wir das siebte Projekt gemeinsam.

 

Entstanden sind dadurch das Soziale Warenhaus, die Kinder Tafel, die Schneiderei und das Betreuen alter Menschen in der eigenen Wohnung. Regelmäßig haben wir Praktikanten von allen Schulformen. Die Citi-Bank schickt uns seit vier Jahren Manager, die einen Tag lang für die Tafel arbeiten. Bp machte mit Lehrlingen und Mitarbeitern Projekte wie „Tafelarbeit erleben“. Sich ehrenamtlich einzusetzen, mit dem Landesnachweis für ehrenamtliches Arbeiten NRW, ist für junge Menschen oft Türöffner bei Bewerbungen. Gezeigt und bewährt hat sich, dass dieser Nachweis einer ehrenamtlichen Tätigkeit, bei der Einstellung eines Arbeitsplatzes oder Lehrstelle, immer positiv gewertet wurde. Wir sind berechtigt, seit Beginn dieser Auszeichnung diese Urkunden zu vergeben.

 

Eine Erkenntnis unserer Arbeit mit Schulen war eine steigende Verarmung von jungen Menschen. In einer groß angelegten Aktion mit den Schulleitungen und Lehrern haben wir mit wachsender Nachfrage Lebensmittelverteilungen organisiert: Das „vitaminreiche  Frühstück“, bei dem Obst und Gemüse einfach aus der Hand gegessen wird. Das WDR-Fernsehen Köln unter der Mitarbeit von Dr. Stratmann, Gisbert Baltes und anderen Persönlichkeiten, hat für die Verbreitung mehrere Filmbeiträge erstellt. Der Film „Die Harz-IV-Schule“ war die Abschlussarbeit der Journalistin Eva Müller, die hierfür mit dem Deutschen Filmpreis ausgezeichnet wurde. Kinderarmut war in aller Munde, war Thema Nr. 1 in allen Medien. Es war für uns der bisher größte Erfolg unserer Tafelarbeit.

 

Unserem Landesvater Jürgen Rüttgers danken wir für seinen Mut, unseren Ruf zu hören. Im Jahr 2007 bei einer Reformkonferenz im Bonner Wasserwerk hat er seine Politik verändert, eigene Fehler eingestanden und dafür gesorgt, dass Kinderarmut Chefsache wird und bleibt. Zudem hat er Geld zur Verfügung gestellt: 13.5 Millionen für Kommunen zur Beantragung von Unterstützung der Schulspeisung und 1 Millionen für Einrichtungen, die Kinderarmut bekämpfen. Bochum hatte vorgelegt und das Weghören und -Sehen abgeschafft. Alle Parteien waren sich das erste Mal einig. Die kleine Wattenscheider Tafel hat das geschafft: In ganz Deutschland war „Vitaminreiches Frühstück“ im Angebot und das Größte - alle sprachen von und über Kinderarmut.

 

Aus dem täglichen Erleben mit ausländischen, sozialschwachen Menschen war es notwendig, sprachliche Unterstützung zu geben. Um Sprachkurse dauerhaft zu festigen, haben wir von den Wattenscheider und Bochumer Lions eine Anschubfinanzierung für ein halbes Jahr zur Durchführung der Sprachschule bekommen. Der Stadtspiegel Wattenscheid hat dafür gesorgt, dass die Unesco sich für unsere Arbeit, jungen Menschen die Integration zu erleichtern, interessierte. Dieses führte letztlich auch für ein Jahr zur finanziellen Absicherung unseres Projektes „Wattenscheider Tafel – Jugend". Aus dieser Arbeit ist die Kinder-Tafel mit Hilfe der Kaufmännischen Schule 2 in Wattenscheid entstanden.

 

Unsere Sprach- und Integrationskurse laufen seit 2002 unentgeltlich für die Teilnehmer und Teilnehmerinnen. Seit dem 1. September 2005 wurden wir vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge offiziell als Träger professionell durchgeführter Integrationskurse zugelassen und somit auch vom Bundesamt mit 2,05 Euro pro Teilnehmer und Stunde finanziert. Kursleiterin war und ist Frau Dr. Edith Birr-Chaarana, eine promovierte Erziehungswissenschaftlerin mit dem Ersten Staatsexamen in Germanistik und Kunstgeschichte. Für die Sozialberatung und als Unterrichtsvertretung standen uns die Sozialpädagogin Frau Helga Rach, Frau Michaela Schröder als Sozialarbeiterin, Herr Arnold Haglauer, Pädagoge im Ruhestand, Studenten der Uni Bochum und die Betriebswirtin Frau Larisa Rogovaja zur Verfügung.

 

Unsere kostenlosen PC-Kurse unter fachlicher Leitung waren gut ausgelastet. Wir erteilten Schülern und Schülerinnen Nachhilfe in Deutsch, Mathematik, Französisch und Englisch. Es wurden Vorträge gehalten, um kirchliche Gemeinden und sozialen Einrichtungen unsere Erfahrungen und unsere Tafelprodukte zur Verteilung zu überlassen. Unser Motto dabei war „Wenn um Hilfe gefragt wird, mit allen uns zur Verfügung stehenden Möglichkeiten zu helfen“, und wir nutzten dabei zum Vorteil der Armen unser aufgebautes Netzwerk, das sich über 32 Verteilerstellen im gesamten Bochumer Stadtgebiet erstreckt. Mit allen sozialen Einrichtungen und Trägern arbeiten wir gemeinsam.

 

Es gibt immer noch nicht genug Verteilerstellen. Darum haben wir die Bochumer Tafel und die Bochumer Kinder Tafel gegründet und die großen Bochumer Parteien mit eingebunden in unsere Arbeit, Spd, Cdu, Fdp, Uwg mit in die Verantwortung als Vorstand und Beirat genommen.

 

Ein zusätzlicher Aufgabenbereich ist entstanden durch große Spendenabgaben der Bevölkerung aus dem Ruhrgebiet an die Wattenscheider Tafel. Wir geben auch Kleidung und Kleinmöbel an Bedürftige weiter. Unsere Kleiderkammer und Möbellager sind sehr arbeitsaufwändig, aber auch diese Mehrarbeit nehmen wir zum Wohle der Armen in Kauf. Das gesamte Team hilft ohne zu murren mit.

 

Was wir an Überschuss haben, schickten wir als Hilfstransport über das eigene Projekt Anastasia nach Sibirien und in die Ukraine. Acht Transporte haben wir bereits mit Hilfe der Stadt Bochum auf die Reise gebracht. In einer großen Aktion haben wir einen unfallverletzten Mann, dem in Russland das Bein abgenommen werden sollte aus Sibirien nach Bochum geholt. Chefarzt Herr Dr. Disselmeyer vom Krankenhaus Maria Hilf und Prof. Muhr aus dem Krankenhaus Bergmannsheil haben uns bei der Planung und Umsetzung geholfen. Die Operation und Erstversorgung wurden von ihnen persönlich übernommen. Viel Unterstützung haben wir dabei vom Maria Hilf Krankenhaus in Gerthe erhalten. Herr Prof. Muhr von der BG Klinik Bochum unterstützte kostenfrei die Vorbereitungen zur OP. Die Schuhfabrik Otter spendete orthopädische Schuhe. Die sibirische Fluglinie Siberia übernahm die Reisekosten. Die Projektleitung und Organisation wurde von der Wattenscheider Tafel e.V. in die Hand genommen, geleitet von Frau Larisa Rogovaja. Finanzielle Hilfen leisteten Tafeln aus dem Ruhrgebiet und Kirchengemeinden aus Bochum und aus dem gesamten Ruhrgebiet.

 

Außerdem gebührt der Presse und den Medien Dank und Anerkennung für ihre Mitarbeit. Ohne Ihre Hilfe wäre die Wattenscheider Tafel nicht das, was sie heute darstellt und leistet.

 

Besonders danken wir allen heimischen Bäckereien, Fleischereien, Supermarktketten, Einzelhändlern, Handelsketten und Produzenten, die uns die Tafelarbeit erst ermöglichen. Den Politikern aller Fraktionen für Ihre Hilfe und Unterstützung. Viele Privatpersonen unterstützen unsere Arbeit und auch Projekte. Ohne das Verpackungsmaterial der Firma Modeva könnten wir die verschiedensten Lebensmittel nicht sauber verpacken. Seit Jahren helfen sie kostenlos mit allen benötigten Mengen.

 

Als Garant unserer täglichen körperlich schweren Arbeit danken wir unseren Mitgliedern und Sponsoren.

 

Ganz besonderen Dank möchte ich den Menschen sagen, die mit mir gemeinsam die Verantwortung übernehmen, dieses Mittelständische Unternehmen, ( Der WDR bezeichnet unsere Tafel als Sozialkonzern Wattenscheider Tafel e. V.) zu leiten und zum Erfolg für unsere Bedürftigen zu führen.

 

Ich habe Verantwortung übernommen als Ländervertreter der Deutschen Tafel für NRW im Regierungsbezirk Arnsberg und als Sprecher der Ländervertreter von NRW. 154 Tafeln gehören dazu. Ich bin Mitglied im Bundesvorstand der Deutschen Tafel e. V. Berlin und dadurch viel auf Reisen.

 

Das Juwel der Tafel sind die ehrenamtlichen Mitarbeiter-/innen, die jeden Tag, den der Herrgott uns schenkt, bei Sonne, Regen und Schnee, bei Tag und auch bei Nacht diese schwere Arbeit mit Lachen im Gesicht und mit Freude für unsere vom Wohlstand vergessenen Menschen leisten. Denn 150 Mitarbeiter sind in der Tafelarbeit ein Garant für regelmäßiges, von der Uhrzeit unabhängiges Arbeiten, geworden. Ich erlebe jeden Tag stolz das, was unsere Oberbürgermeisterin Frau Dr. Ottilie Scholz an einem Tag im mehrfachen ehrenamtlichen Einsatz für die Wattenscheider Tafel sagte: „Hier arbeitet eine Familie.“ Wir betrachten diese Worte als große Wertschätzung unserer gemeinsamen Tafelarbeit. Denn die Tafel sind wir alle.

 

Zusammengefasst, diesen Weg zu gehen erforderte oft Mut und die Überwindung, alte Zöpfe abzuschneiden. Mein größter Wunsch aber bleibt als Kolping-Bruder, dass die Hirten sichtbarer werden in den Gemeinden, die Politik dafür Sorge trägt, dass jedem Kind, ob im Kindergarten oder Schule, eine kostenlose Mahlzeit bereit stehen muss, dass wir als Tafelarbeiter, in diesem Fall nicht mehr im Ehrenamt gebraucht werden und eines Tages alle Tafeln geschlossen werden können.

 

Ich wünsche uns allen Glück Auf und Gottes Segen."

 

Wattenscheid, den 13.04.2010

Manfred Baasner